WOFs Lesestunde (2): "Das Unbehagen"

Zu Ariadne von Schirachs Buch: "Du sollst nicht funktionieren - Für eine neue Lebenskunst"


2. September 2020. “Ein Unbehagen” - so der Titel des Vorworts, das zunächst wie ein Roman geschrieben ist. Im Mittelpunkt stehen der kleinen Henry und seine Mutter . Ihre alltags-ermahnenden Worte an ihren Sohn, der macht, was er will, und dann, unvermittelt, anscheinend gar nicht zu der Szene passend ihr resignierend und doch hoffnungsvoller Seufzer, wohl aus dem Blade Runner:


“Worte, die nicht hell genug sind, an Saturn und Neptun vorbei ins Tannhäuser Tor zu leuchten, nimm das, du gleichgültiges Universum.”

Erst mal so stehen lassen und einfach weiterlesen.


Eigentlich ist Henri kein besonderer Bub, aber auf einmal spricht es aus ihm: “Es ist schön, dass ich auf der Welt bin”. Das erwachende Ich-Bewusstsein des kleinen Henri. Ariadne: “In der gefühlten Unendlichkeit zwischen Urknall und dem Verglühen oder Erkalten unseres Planeten wird es niemals einen zweiten Henri geben.”


Ein Playdoyer für die Achtsamkeit? Auf jeden Fall ein Aufruf, (es geht ja in dem Buch um die “neue Lebenskunst”) den Blick und die Wertschätzung für die Einmaligkeit der eigenen Existenz nicht zu verlieren. Bedingungslos bewusst leben, bedingungslos wie ein Kind bewusst Ich sein. Das wäre das Lebensmodell. Dann aber gibt es noch die Welt, und mit der Welt, die beschleunigend aus den Fugen zu geraten scheint, kommt das Unbehagen. Denn diese Welt wird bedeckt ("covered") von einem anderen Lebensmodell, das wie Mehltau sich über die Gemüter der Menschen gelegt hat: Das ökonomische (neoliberale?) Paradigma, das da behauptet: Es ist völlig ok, wenn du egoistisch bist, auf deinen Vorteil siehst, wenn du funktionierst und dich selbst optimierst. Die Welt ist ein Marktplatz, und daher musst du dich selbst so gut wie möglich verkaufen. Selbst dein Körper ist eine Ware. Und Ariadne von Schirach brandmarkt das als reine Pornografie: Die herrschende Wirtschaftsideologie transformiert das einmalige Geschöpf, das wir Mensch nennen, in eine Hure. Es würde mich sehr interessieren ob die Autorin hier das Motiv aus der biblischen Apokalypse, das Bild von der Hure Babylons, die alle Welt verführt, bewusst neu reflektiert hat.


Wie auch immer. Das Vorwort arbeitet den Konflikt des 21. Jahrhunderts heraus: Der Mensch, wie er sein könnte, das “Henri-Modell” und der Mensch, der im Mechanismus des Marktes früher oder später zerrieben wird und mehr schlecht als recht nur noch funktioniert. Doch wie entrinnt man diesem Teufelskreis? Wie kann man bedingungslos aus sich selbst heraus leben? Weiter zu WOFs Lesestunde 3 >>

Quelle: Wikipedia

17 Ansichten

© 2020            Impressum und Datenschutz

  • White Facebook Icon
  • Twitter Clean