Neue (multimediale) Erzählformen

Ein "Fortsetzungs-Beitrag" von Wolfgang Fleischer

Nur langsam setzen sich die neuen Erzählformen durch, die dem simplen wie treffenden Oberbegriff "Story-Telling" zugeordnet werden können. Es ist jetzt schon über sechs Jahre her (13. April 2014), seit dem ein Meisterstück dieser Textsorte in der New York Times Magazine veröffentlicht wurde und dank dem globalen Gedächtnis, das wir Internet nennen, kann dieses Beispiel immer noch gelesen, gesehen, gehört, genossen -ja, und auch analysiert werden.


Am 13. April 2014 veröffentlichte die New York Times diese Story: "On the trail of the phantom women who changed American music and then vanished without a trace". Untertitel: "The Ballad of Geeshie and Elvie".


Link zur Story des New York Times Magazine


Es ist die Geschichte von Geeshie Wiley und Elvie Thomas, beides Blues-Sängerinnen, die 1930/31 zwei, drei Stücke aufnahmen, um dann "zu verschwinden, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen". Doch das stimmt natürlich nur in bezug auf ihre persönliche Biographie, die Fußstapfen, die sie musikalisch und als Lebensgefühl (Blues) hinterlassen haben, sind so groß, dass selbst die Rolling Stones sie nicht ausfüllen konnten.


Doch bevor ich ins Plaudern oder gar Analysieren komme, schlage ich vor, dass Sie sich erst einmal selbst einen Eindruck von dieser multimedialen Story verschaffen, die das New York Times Magazine für immer der Vergessenheit entrissen hat. Klicken Sie auf den Link und hören Sie sich die wunderschön mit einem Video hinterlegte Aufnahme an, mit der Jeremiah Sullivan seine Story beginnt (Siehe hier (auf "Listen To Music" klicken).

6. August 2020. Hat man durch das Video-Eintragsintro zunächst ein erstes Gefühl für die Story bekommen, ist man wahrscheinlich neugierig auf den Text geworden, der in diesem frühen Story-Telling Beispiel noch recht umfangreich ist. Story-Teller von heute beschränken den Text in der Regel auf ein Minimum (10 Prozent und weniger des Gesamtbildschirms) und arbeiten mit transparenten Hintergrundbildern anstelle wie noch in diesem frühen Beispiel mit einem eher langweiligen weißen Hintergrund.


Im Text Sullivans erfährt man zunächst, dass trotz aller Recherche-Bemühungen die Forscher über die Vitas der beiden Frauen kaum etwas herausgefunden haben, dass sie aber wohl aus der Mississippi-Gegend stammen. Nicht einmal Anekdoten ihres Lebens und Schaffens sind überliefert worden, nur eben drei Aufnahmen, die in den Paramount-Studios realisiert worden sind.


Im typisch amerikanischen Journalismus-Stil wechselt der Text dann von der objektiven Kontextbeschreibung in den subjektiven Ich-Stil. Jetzt aber wird es richtig interessant, vor allem, was wieder das multimediale Design der Story betrifft. In der Passage, wo es um Geeshies Aufnahme "Last Kind Words" geht, hinterlegt Sullivan eine Textzeile mit einem dazu korrespondierenden Song-Schnipsel aus Geeshies' Liedvortrag. In den Text wird ein Audioplayer integriert. Der Leser wird jetzt also zum Zuhörer. Er kann lesen und gleichzeitig hören. Die Interpretation des Songs wird direkt in bezug zur Originalquelle gesetzt.


Heute ist die Parallelisierung von Text und Audio nichts Besonderes mehr, aber dennoch ein Stilmittel, das immer noch recht selten verwendet wird, wahrscheinlich einfach deswegen, weil die Autoren erstens immer noch auf das bloße Schreiben von Texten getrimmt sind und zweitens vielleicht, weil sie nicht wisssen, dass und wie man Texte mit Audios technisch hinterlegt. Das ist aber ganz einfach. Geschriebenen Text mit Musik oder dem gesprochenen Wort zu hinterlegen geht beispielsweise mit dem Tool von Soundcite ganz einfach: Tutorial von Johanna Daher (Wie man eigenen Text mit Ton hinterlegt).


7. August 2020. Auch das New York Times Magazine hat wohl dieses Tool verwendet und läßt in seiner Story auch weitere Songs von Geeshie Wiley und Elvie Thomas mit aufklingen. Während die Story-Teller von heute unglaublich viele Worte benötigen (ich weiß, wovon ich spreche), um ihre Botschaft rüber zu bringen, kommen die beiden Künstlerinnen mit ganz wenigen Zeilen aus, die aber mit soviel modulierter, musikalischer Intensität vorgetragen werden, dass dennoch im mithörenden Gemüt eine ganze Lebensgeschichte wieder aufersteht. Früher machte man eben weniger Worte und sagte dennoch mehr, vermutlich wird auch wieder einmal eine Zeit kommen, in der weniger gesprochen wird, was sehr zur Heilung des Planeten beitragen dürfte. Man kann nicht anders und gelangt sofort in einen anderen, ruhigeren Bewusstseinsfluss, wenn man Geeshie zuhört:



Doch zurück zu der Story, die Sullivan erzählt. Für ihn ist es ein Wunder, dass solche Leute wie Geeshie und Elvie überhaupt aufgenommen worden sind und so erzählt Sullivan jetzt eine Geschichte in der Geschichte: Wie die Paramount Records entstanden sind und ab den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts sogar kommerziell erfolgreich wurden.


Und es ist dies eben auch die Geschichte, einer noch viel größeren Geschichte, die bis heute ihr Happy End nicht gefunden hat: Wie mit Musik die rassistischen Barrieren, die gewissen- und gedankenlose Politiker immer wieder neu aufbauen wollen, überwunden werden kann.


Videoquellen: YouTube

8. August 2020. Der nächste Abschnitt in Sullivans Story-Telling über die Geschichte von Paramount Records wird mit dem Bild, das die Paramount Studios 1915 zeigt, eingeleitet. Sullivan räsoniert dann über die tatsächlich wunderliche Entwicklung, die eine Stuhl- und Tischlereifabrik genommen hatte, indem sie zunächst anfing Aufbewahrungsschränke für die neu aufkommenden Phonographen und den dazu mit verkauften Tonträgern zu entwickeln.


Doch dann geschah es: Ausgelöst durch den überraschenden Verkaufserfolg, die Mamie Smith's Crazy Blues 78er Platte erzielte, sortierte man sich auch in der Tischlereifabrik neu und begann nun selbst nach afro-amerikanischen Künstlerinnen systematisch zu suchen und diese aufzunehmen, allerdings wie Sullivan hervorhob, aus rein geschäftlichem Interesse. Alles was den Paramount-Leuten unter die Finger geriet, wurde aufgenommen und eher zufällig wurde auf diese Weise ein amerikanisches Kulturerbe bewahrt, das noch heute, in Zeiten, wo insbesondere das politische Amerika professioneller Hilfe bedarf, inspirierend und befreiend wirken kann.


Quelle: YouTube/Tim Grazyk


Aber dieses musikalische Erbe der Paramount-Leute wäre womöglich doch untergegangen, wenn nicht anderthalb Jahrzehnte später der Folk- und Musikforscher Alan Lomax per Zufall auf die alten, scheinbar wertlosen Platten gestoßen wäre, als er im Auftrag der Bücherei des Kongresses, Feldforschungen zur amerikanischen Folk-Musik durchführte. Sullivan schreibt dazu: "In 1940 he created a list, with the title “American Folk Songs on Commercial Records,” and circulated it in the folklore community." Diese Liste war wohl die Initialzündung für den bis heute anhaltenden Welterfolg dieser Musikrichtung, die womöglich fast untergegangen wäre.

9. August 2020. Gut, die Story des Sullivan ist noch sehr textlastig, heute könnte man sie mit Hilfe von interaktiven Tools wie vertonten, dynamischen Gallerien oder interaktiven Timelines 360 Grad Panorama-Bildern noch ganz anders aufpeppen, aber wesentliche Elemente des multimedialen Story-Tellings sind doch schon integriert. Und es zeigt sich, dass gerade die digitale Revolution sehr dazu beigetragen hat, das filmische Erbe wie auch das Tonerbe der Weltgemeinschaft zu bewahren. Und man macht es sich meiner Meinung nach viel zu einfach, wenn man Internet-Giganten wie Alphabet (Google und YouTube) auf ihre Geschäftsaktivitäten reduziert, ohne den Beitrag zu wertschätzen, den sie für die Emergenz einer globalen Weltkultur leisten.


Und dann berichtet der Artikel noch über "Mack" Robert McCormick, ebenfalls ein Curator der aufkommenden Folk-/Bluesszene. Sein Spezialgebiet waren die unterschätzten musikalischen Manifestationen eines freiheitlichen Lebensgefühls, dass das heutige Amerika so vermissen lässt. "At one point he started traveling county by county or, rather, he started moving in a pattern of counties, from east to west, marking a horizontal band that overlapped the spread of slavery west from the Atlantic colonies. He investigated 888 counties before he was finished. "


Im Zuge seiner Feldforschungen entwickelte er nichts weniger als eine kulturelle Theorie auf der Basis seiner Musik-Sammlung, die er selber "Monster" nannte, schaffte es aber bis heute nicht ein Buch über die Ergebnisse seiner Feldforschungen zu schreiben. Wenn ich den Artikel von Sullivan richtig verstehe ist es ein evolutionärer Ansatz: Kultur entsteht, wenn Handwerk und künstlerisches Arbeiten unter dem Druck der gesellschaftlichen Umstände zusammenfließen.


10. August 2020. Wie im Roman "Heart of Darkness" von Joseph Conrad hat Sullivan seinen Artikel ganz auf den Punkt seines Zusammentreffens mit Robert Mc Cormick angelegt. Er, der da in einer bescheidenen Cottage mit sich und seinem angesammelten Monstererbe klar kommen muss, ist der große Attraktor der Story. Wie Kurtz in Joseph Conrads Roman wacht er eifersüchtig über seinen Schatz, und wenn man sich in die Gesichtszüge dieses Mannes verliert spürt man: etwas Bedrohliches geht von diesem Mann, dem Gralshüter der amerikanischen Blues- und Folkkultur, aus. In immer enger  werdenden Kreisen hat Sullivan seine Story auf diesen Punkt hin angelegt, er selbst angezogen von einer Art von "mentaler Gravitation", der man nicht entrinnen kann.


Wenn man die längeren Abschnitte über diesen Besuch auf sich wirken lässt, merkt man sehr schnell: Es war kein leichtes Treffen, wahrscheinlich ist "Mack" auch hier von seinem Mißtrauen gegenüber der Welt an sich und der Presse im Besonderen in Hab-Acht-Stellung gegangen. Und was Sullivan geahnt hatte, bestätigte sich dann auch: "Mack" hatte genügend Material um die geheimnisvolle Existenz von Elvie belegen zu können, ließ aber alles irgendwie im Unklaren und zündete eine Nebelkerze nach der anderen, um die Geheimnisse, die er eben gerade gelüftet haben schien, sofort wieder zu verschleiern. Besonders tragisch aber: Zwischen den Zeilen gelesen spürt man die große Sorge Sullivans, dass diese enorme Recherche-Arbeit von "Mack" letztlich doch zu nichts führen würde, dass sie einfach mit ihrem Schöpfer von der Bildfläche dieser Welt verschwinden würde.


Mit begleitenden Filmen, Audios, Bildern, lässt Sullivan seine Leser nicht nur textlich-intellektuell, sondern gedanklich und emotional in Macks Welt eintauchen und irgendwie ist man dann, wie Sullivan vielleicht auch, wieder froh, diese personifizierte Singularität Amerikas wieder verlassen zu können, um nicht mitgerissen zu werden von all dem Leid, den Ungerechtigkeiten, den Skrupellosigkeiten die das Entstehen der Blues- und Folk-Kultur begleitet haben. Robert Mc Cormick jedenfalls hat offenbar viel zu viel davon gesehen. Und dennoch: Aus seinen Augen, aus seinen Worten, aus seinem Geist spricht etwas was da sagt: Ihr habt das nicht verhindern können, trotz Euch allen haben sich diese Musik und diese Menschen verewigt, während ihr es seid, die flüchtig sind: Ihr kommt und ihr werdet wieder verschwinden.


11. August 2020. Auch der nächste Abschnitt ("The Collectors") in der langen Story des Sullivan wird wieder multimedial mit einer Zusammenstellung von Bild- und Tondokumenten eingeleitet. Im Mittelpunkt steht zunächst eine junge Frau, Caitlin Rose Love, die sich, um McCormick zu helfen für ein Jahr ihre Ausbildung unterbrach. Doch Mc Cormick kam nicht mit ihr klar (und wahrscheinlich ihren Ambitionen) und so feuerte er sie.


Als Sullivan sie einmal besuchte, fragte er sie eher beiläufig, ob sie aus ihrer Zeit mit McCormick Material über Elvie (L.V. Thomas) habe und tatsächlich, sie besaß einen Ordner in dem sie Fotografien von Unterlagen, die sie bei McCormick gefunden hatte, gesammelt hatte. Und nun wurde das Geheimnis um das rätselhafte Duo Elvie Thomas und Geeshie Wiley gelüftet. Sullivan zeichnet die Lebensgeschichten sehr detailliert nach und illustriert seinen Bericht wiederum reichhaltig mit den Dokumenten, die er bei Caitlin Rose Love aufgestöbert hatte. Und so fand er auch immer mehr Augenzeugen, die mithalfen, das rätselhafte Verschwinden der beiden Musikerinnen aufzuklären. Sullivans Mission ist letztlich von Erfolg gekrönt worden. So ist die Story des Sullivan selbst zu einem herausragenden Beispiel dessen geworden, wie wertvoll Kultur-Archäologie für das allmähliche Entstehen einer planetaren Community sein kann. Und dank dem New York Times Magazine und den überhaupt nicht selbstverständlichen Möglichkeiten, die das Internet auch bietet, werden Quellen für jedermann nutzbar, die sonst einfach ein für alle Mal verschwinden würden.

16. August 2020. Allseits wird die neue Erzählform des multimedialen Story-Tellings gelobt, zum Teil auch enthusiastisch begrüsst. Sie folgt oft klassischen Erzählmustern wie der Reise und Rückkehr, ein Beispiel hierfür wäre die Erzählung von dem verlorenen Sohn aus dem Neuen Testament oder der Schilderung einer siegreichen Wiedergeburt nach einem vorhergehenden Desaster.


Sullivans Story folgt dem "Quest-Erzählmuster". Es gibt zwei Protagonistinnen, die Großes geleistet haben, deren Spur sich aber verloren hat. Der eigentliche Held der Story aber ist nicht etwa McCormick, sondern Sullivan selbst. Er nimmt die Mühen auf sich und folgt den wenigen Hinweisen, die es zu Elvie und Geeshie gibt. Seine Erzählung folgt dabei der klassischen Abfolge: Ausgangsschildung -> Konflikt -> Auflösung des Konflikts.


  1. Die Ausgangsschilderung illustriert er nicht nur textlich, sondern multimedial: Es gibt dieses Phänomen der amerikanischen Blues-Musik, wie ist es enstanden, wo sind viele ihrer Akteure geblieben? Er begibt sich also auf die Suche, um das Rätsel zu lösen und findet nicht etwa Elvie und Geeshie sondern den geheimnisvollen McCormick.

  2. Die Konfliktphase setzt ein. McCormick könnte weiterhelfen, will es aber nicht. Es kommt sogar zum Zerwürfnis mit Sullivan. Der Kontakt bricht ab. Unausgesprochene Enttäuschung und Frustration folgen.

  3. Dann aber bahnt sich die Auflösung an. Sullivan stößt auf Caitlin Rose Love, die (heimlich?) Materialien aus McCormicks Monstersammlung fotokopiert hat und die das Rätsel um Elvie und Geeshie mehr oder weniger lösen.

Die Story des Jeremiah Sullivan hat aber auch ein übergeordnetes Ziel. Er will zeigen welche vielfach unterschätzte Rolle die modernen Medien bei der Sichtung und Bewahrung des Kulturguts spielen. Duch Integration verschiedener Medien (Audio, Fotos, Fotokopien, Musik, Videos) wird die Story illustriert. Der Leser/Hörer/Zuseher kann an bestimmten Weichenstellungen der Story innehalten und vertiefen, was er bis dahin erfahren hat. So ist es immer noch eine linear konzipierte Story, die aber auch assoziative Momente enthält, die wie eine Tiefenschicht das textlich Erzählte erweitern.


Bis heute hat sich das Story-Telling vor allem in technischer Hinsicht natürlich weiter entwickelt. Es gibt die 360 Grad Panoramabilder, Virtual Reality-Elemente mit denen der Rezipient in die jeweilige Story eintauchen kann, Handlungsmuster, die der Leser durch bestimmte Auswahl-Kriterien selbst bis zu einem gewissen Grad entwickeln kann. Er entscheidet, welchen Handlungssträngen er folgt oder auch nicht. Und es gibt sehr gute, kreative ErzählerInnen. Selten aber findet sich ein, ja nennen wir ihn "Künstler", der beides beherrscht: Das Handwerk des Erzählens und die Fähigkeit, die vorhandenen Tools auch kongenial einsetzen zu können. Im Bereich der Filmkunst ist Wim Wenders zweifelsohne ein solcher Künstler: Sein lyrisches Talent und seine cineastische Kompetenz haben beides im Verein große Werke entstehen lassen. Story-Telling verfügt gegenüber der Film- und Videokunst aber noch eine wesentliche, zusätzliche Eigenschaft: Sie können mit interaktiven Elementen und Strukturen ausgestattet werden, so dass der Rezipient selber zum Akteur in der Story werden kann. Hier eröffnen sich gerade in der Domäne des multimedialen Erzählens Möglichkeiten, die noch darauf warten von Menschen entdeckt zu werden, denen selbst so wunderbares Erzählen wie das von Wim Wenders noch zu linear ist.


Finis.

131 Ansichten

© 2020            Impressum und Datenschutz

  • White Facebook Icon
  • Twitter Clean