WOFs Lesestunde (3): "Stresskörper"

Zu Ariadne von Schirachs Buch: "Du sollst nicht funktionieren"

Das 1. Kapitel trägt den Namen “Stresskörper”, gemeint ist der vom Ego und dessen Vollkommenheitsphantasien gestresste Körper. Das Kapitel gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt (ab Seite 19 in meiner Taschenbuchausgabe) ist so etwas wie eine Bestands- oder Fehleranalyse. Ariadne zeigt, wie wir aufgrund des markt-und konsum-orientierten Wertesystems dazu neigen, mit dem Körper Schindluder treiben, ihm sogar Gewalt antun.

Denn wir versuchen unseren Body nach völlig unrealistischen Vollkommenheitsbildern zurecht zu schnitzen, Idealen, die der Markt und die Medien dem eigenen Ich so eingebläut haben, dass es unter diesem Einfluss mehr und mehr zum Ego gerinnt und dann seinerseits wieder den armen, geschundenen Körper terrorisiert: Du musst schön sein, du musst ewig jung sein. Und um dies zu erreichen, musst du dich bis zum Geht-nicht-Mehr-disziplinieren, durch Entsagung, Diät, und gnadenlosem Fitness-Training. Das Ergebnis sind “Hungermädchen” und männliche, “aufgepumpte Fitnesskörper”. “Der erfolgreiche Mensch des 21. Jahrhunderts”, ironisiert Ariadne von Schirach, "ist derjenige, der es schon bei Lebzeiten geschafft hat, sich im physischen Alter von 16 bis 21 einzubalsamieren."


So schonungslos Ariadne ihre Analyse des zum Narzissmus reduzierten Menschen durchdenkt, so liebevoll, fast zärtlich ist ihr Stil dabei. Zwischen Erörterung und Stil entsteht eine eigenartige disruptive Spannung, die den Leser* gefangen nimmt (*Ich verzichte auf das nervige Gendern). Ariadne will ihre Mitmenschen nicht mit einer gewaltigen Dosis Moralin aufrütteln, sondern hält ihnen ganz behutsam, einfühlsam das Spiegelbild eines Lebens vor, das bei lebendigem Leibe zu verdorren droht. Dabei mischt sie immer wieder Fiktion und Fakten, so dass das Buch allmählich eine ganz eigene Atmosphäre, um nicht zu sagen, Aura gewinnt: Es geht um das verführte Ich und seine Heilung. Gelingt es aber dann dem Ich, sich von den Bildern, von denen es besetzt worden ist, zu befreien, wird der Körper auch wieder zum Freund des Menschen.


Im zweiten Abschnitt ab Seite 39 wird die zeitgemäße Lösungsmethode für die Rekonstruktion der Ich-Körper-Beziehung angebahnt. Jetzt geht es um die Entmachtung des Egos, das zum "eigener Überwachungsstaat" geworden ist. Man sollte Abstand zu sich selbst gewinnen und zwar mit Hilfe einer Methode, die viel mit “Imagination”, wie ich es nennen möchte, zu tun hat. Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten -, der Text ist ja so geschrieben, dass der Leser wie von selbst zu potentiellen Lösungen seiner eigenen Ego-Körper-Beziehung geführt wird. Es stellen sich fast unmerklich Aha-Erlebnisse ein, denen ich hier keinesfalls vorgreifen möchte.


Der dritte Abschnitt beginnt ab Seite 42. Wieder sind es fiktive Figuren oder Menschen aus dem wirklichen Lebensalltag - man weiß das nicht immer so genau -, mit denen Ariadne zunächst bildlich veranschaulicht, worum es ihr geht, bevor sie es sachlich erläutert: Zurück zu einer natürlichen Lebensauffassung, wieder die Fähigkeit erlernen, sich so anzunehmen wie man eben nun mal ist, das sind die einfachen Lebenslernziele. Schnell sind sie formuliert, doch ohne den nachhaltigen Willen zur mentalen Dekonstruktion falscher Ego-Bilder, sind sie nicht zu verwirklichen.

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Bildquelle: Pixabay/scottweb




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