WOFs Lesestunde (4) - "Schöpferische Geschöpfe"

Zu Ariadne von Schirachs Buch: "Du sollst nicht funktionieren"

“Schöpferische Geschöpfe” heißt der sybillinische Titel des 2. Kapitels. Wiederum drei Abschnitte: Analyse - Lösungsmethode - (mögliche) Ergebnisse. Es geht um das Verhältnis oder besser gesagt um die Beziehung “mit der Natur in uns und außerhalb von uns” (S. 53 ff.) Ariadne von Schirach bleibt bei ihrer Erzählweise. Menschen und ihre Lebensweisen im und aus dem vermutlich realen Leben werden kontrastiert mit den Sichtweisen bekannter Geistesgrößen wie Kant oder Nietzsche. Im Mittelpunkt des 1. Abschnitts: Das “Menschentier” - eine poetisch klingende -, aber nach einigem Nachdenken fast so etwas wie wissenschaftliche Definition jenes Wesens, das Arthur Koestler als “Irrläufer der Evolution” bezeichnete und von dem Konrad Lorenz einst behauptete, wenn ich mich recht erinnere: “Das langgesuchte Zwischenglied zwischen Mensch und Tier - das sind wir” (aus dem Gedächtnis zitiert).


Wie also sieht die Beziehung einer solch gespaltenen Existenz zur Natur aus - und inwieweit ist das Menschentier auch Teil der Natur?


Bildquelle: Pixabay: Ein von Garik Barseghyan imaginierter Quasar. Vergleiche "Du sollst nicht funktionieren", Seite 79)

Der 1. Abschnitt des 2. Kapitels versieht den Leser zunächst wieder mit Gedankengängen, die ihm als Matrix zum Verständnis des 2. Abschnitts dienen können. Doch so weit sind wir noch nicht. Denn da kommt er wieder: Ein mir völlig unbekannter Philosoph, von dem Wikipedia frech behauptet: “Žižek ist einer der populärsten Philosophen der Gegenwart, der weltweit rezipiert wird.” Ein Vertreter der Postmoderne, also jener Epoche, die wohl allerdings angesichts neuerer Entwicklungen allmählich ihren Geist aushaucht? Oder doch schon einer ihrer Überwinder?


Klar, das Verhältnis von uns Flüchtigen, die wir gegenwärtig den Planeten behausen, zur Natur ist nicht ambivalent, sondern schizophren. Wir lieben die Natur und wir zerstören sie zugleich. Wir beschwören die Natur mit Worten und zertrampeln sie mit unseren Taten. Und da kommt dann Slavoj Žižek ins Spiel, “denn für den bedeutet Ideologie etwas zu tun, ohne zu wissen, dass man es tut” (Seite 58). Sehr gut! Ich kenne sein Werk nicht, aber ich kenne doch noch aus meinem Linguistik-Studium und gewissen lebenslangen Forschungen das semiotische Dreieck. Und wenn ich so lese, dass Žižeks Denken das dynamische Verhältnis von dem Realen, zum Symbolischen, zum Imaginären klärt, dann hoffe ich auf dem richtigen Wege für ein Verständnis des 2. Abschnitts dieses Kapitels zu sein (Seite 64 ff).


2. Abschnitt: Wie also kann ich mein eigenes Verhältnis zur Natur nicht nur klären, sondern wieder rekonstruieren? Wie kann ich wieder neu lernen, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden? Ariadne meint: Durch den “Kinderblick” - und befindet sich damit in illustrer Gesellschaft. Denn das ist genau auch der Blick, den die sogenannte erste Seligpreisung aus dem Matthäus-Evangelium postuliert: “Gesegnet sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich" -, wobei anzmerken ist, dass der Nazarener damit wohl eher die spirituelle Dimension des Daseins gemeint hat, während Ariadne zunächst fest auf dem Boden der Tatsachen, die die Sinne vermitteln, gegründet bleibt: “Man stelle sich eine Wiese vor, eine Frühlingswiese, die ein bisschen duftet, es gibt Bienen und Ameisen, die auf den Spitzen der Grashalme balancieren…” (Seite 64) Wie auch wir Menschentiere möchte man hinzufügen, die versuchen, mit dem bisschen Erkenntnis, das wir haben, uns durch die Jahrhunderte hindurch zu lavieren.


Im Unterschied zu einer naturwissenschaftlichen Betrachtung ist Ariadnes Blick aber poetisierend. Zwischen dem betrachteten Objekt und dem betrachtenden Subjekt findet eine Transformation statt, die sehr viel mit Glücksempfindung zu tun haben kann, auch dann, wenn der Augenschein lehrt, dass das Leben, so wie es allgemein verstanden wird, ein beständiges Werden und Vergehen ist, was mich an Steve Jobs erinnert: Einer der erfolgreichsten Geschäftsleute des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts -, der aber dennoch, ganz in der Philosophie des Zen-Buddhismus, das eigene Vergehen nicht zu bedauern versuchte, weil er wusste, dass so Raum für die Neuheit des Lebens geschaffen wird. Als Methode zur Wiederherstellung eines organischen Verhältnisses zur Natur empfiehlt Ariadne also: Auf die "innere Stimme" hören und all das, was der Alltagsverstand, vom Schulwissen her weiß und was wie ein rationales Spinnennetz über die Natur gelegt wird, hinten an zu stellen. Keine Rekonstruktion ohne Dekonstruktion.


Ab Seite 70 beginnt der 3. Abschnitt: Das sich öffnende Szenario einer re-definierten Beziehung des Menschen zur Natur. Der Ausbruch aus einem nur sich selbst wahrnehmenden Monaden-Dasein beginnt mit der Wendung vom Ich zum Du. Er entwickelt sich weiter zur bewussten Wahrnehmung davon, dass der Mensch Teilhaber einer differenzierten Weltkultur ist, die auch Teil des Menschen Natur ist. “Analog zum Naturschutz müsste man mittlerweile vom Kulturschutz sprechen, denn schrecklich wäre eine Welt, in der es so aussieht wie in der Einkaufspassage eines internationalen Flughafens” (Seite 73). In der bewussten Interaktion mit der Kulturgemeinschaft aber wird das Menschentier zum Menschen, kommt er zum Wort. Anstelle als Rädchen in dem Hamsterrad des banalen Alltags zu funktionieren, beginnt er das eigene Leben als eine Erzählung aufzufassen, die eingebettet ist in das große Ganze. Es findet eine eigentümliche Reproduktion statt: Die Geschichte der Natur setzt sich in der Erzählung (Reflektion) des Menschen fort. Die Natur wird auf einer höheren Ebene in der Reflexion des Menschen wiedergeboren. Das Menschentier, die von der Natur geschaffene Kreatur, wird selbst poetisch schöpferisch, es wird zum Menschen : “Denn wir sind Möglichkeitswesen, kreative Kreaturen, die trotz aller Abhängigkeit ihre eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählend gestalten” (Seite 84).



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