WOFs Lesestunde: "Novozän"

Angeregt durch einen Artikel, der in der Wochenzeitung "der Freitag" frei zugänglich gemacht wurde, ist mir James Lovelock, Begründer der "Gaia-Hypothese" wieder in Erinnerung gerufen worden.


James Lovelock

"Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz" -, so der Untertitel des Buches (C.H Beck, 2019). Gut, klingt etwas reißerisch, der Artikel im Freitag ist aber doch so interessant geschrieben, dass ich mir über das ausgezeichnete Berliner Bibliothekswesen ein (Leih-)Exemplar habe zukommen lassen.


Jeden Tag ein Kapitel lesen und darüber reflektieren, so lautet also die Devise für dieses Lese-Projekt. Wer Lust hat, mag gerne mitlesen und/oder mit kommentieren. Die Lesestunde beginnt hier täglich ab dem 7. August 2020 (vergleiche Seite ganz unten).


Bildquelle: Buno Comby/Wikipedia - CC BY-SA 1.0

22. August 2020. Das Buch schließt mit dem Abschnitt "Der bewusste Kosmos". Lovelock kehrt zu seiner Ausgangsthese aus dem ersten Kapitel zurück, dass wir allein im Kosmos sind, und begründet dies mit dem bekannten Fermi-Paradoxon, nach der die Aliens längst hier sein müssten, wie seine mathematische Formel es suggeriert. Und so müssen sich die transhumanen Nachfolger der Menschheit, die Cyborgs, eben damit abfinden, dass auch sie allein sind "in einem ansonsten leblosen Kosmos" (Seite 148). Er weist nochmal auf das anthropische Prinzip hin und wiederholt die alte, nicht von ihm stammende These, nach der das eigentliche Ziel der Evolution die Umwandlung des Kosmos in Information ist, wobei er, wohlgemerkt unter "Intelligenz" oder Information rein elektronische Vorgänge versteht.

Naja.


Damit beende ich diese Lektüre, werde mir aber für eine Gesamtbetrachtung noch etwas Zeit lassen.


21. August 2020. Der Abschnitt "Denkende Waffen" beginnt zunächst mit einem Loblied auf die Autopiloten, mit denen unsere großen Flieger heute ausgestattet sind. Doch Lovelock bedauert, dass man ihnen in Gefahr und höchster Not nicht auch noch die letzte Entscheidungskompetenz überläßt, dass wäre ja dann auch ein nächster Schritt ins Novozän. Aber solche Systeme würden ja mittlerweile bei den Drohnen, die militärisch genutzt werden, inzwischen eingesetzt. "Sobald ich das gelesen hatte", so Lovelock, "sah ich den Weg vor mir, der zum Ende der organischen Phase von Gaias, wie wir sie kennen, führen könnte", frohlockt er (Seite 137).


Aber nur einen Abschnitt weiter, immer noch auf Seite 137, verkehren sich seine Gedankengänge ins Gegenteil: "Die Vorstellung, dass man die Entwicklung von lernfähigen Computersystemen auf militärischer Ebene zulässt, scheint mir die potentiell tödlichste Idee zu sein, die bisher ins Spiel gebracht wurde, um menschliches oder anderes organisches Leben auf der Erde zu ersetzen." Bewertet Lovelock das nun negativ oder positiv? Mal so, mal so. Oberflächlich betrachtet verurteilt er diese Tendenz, KI-gesteuerte Waffen zu entwickeln, aber man (ich) kann diese Abschnitte kaum zu Ende lesen, ohne dieses mulmige Gefühl loszuwerden, dass Lovelock die Ablösung der menschlichen Spezies durch die Generation Cyborg in Wirklichkeit begrüsst.


Im vorletzten Abschnitt 22 ("Unser Platz in der Welt") beglückt Lovelock den Leser wieder mit einer seiner fundamentalistischen Gleichsetzungen. Organisches Leben ist eine Lebensform, elektronisches Leben ist ebenfalls eine Lebensform, die logische Folge der organischen Lebensform, nur eben der bisherigen Lebensform so unendlich überlegen. "Wenn sich die Cyborgs erst einmal etabliert haben, werden wir genausowenig die Herren unserer Geschöpfe sein wie unser vielgeliebter Hund Herr über uns ist. Und Lovelock meint, dass die neuen Herren der Welt, die Cyborg nicht sehr lange brauchen, um aus einem anfänglichen Baby-Stadium herauszuwachsen, da sie ja so unglaublich schnell sind. "Für einen neu erstandenen Cyborg würde dieses Sich-bewusst-Werden etwa eine Stunde brauchen" weiß Lovelock (Seite 144).


20. August 2020. Schon früher ist mir aufgefallen, dass Lovelock immer wieder dazu neigt, zwei sich widersprechende Thesen oder Standpunkte aufrecht zu erhalten. Inzwischen werde ich den Verdacht nicht los, dass dies eine bewusste Vorgehensweise ist. Will er die gängige duale Logik seiner Leser aufbrechen? "Doublethink" nannte George Orwell diese Form der argumentativen Logik, die sich bestens dazu eignet, (vermeintliche) Gegner oder aber auch Anempfohlene zu verunsichern. Vergleichsweise leicht zu durchschauende Beispiele posaunt fast täglich ein amerikanischer Politiker in die mentale Atmosphäre des Planeten. Bei Lovelock hingegen muss man eher zwischen den Zeilen lesen, um diese Form des "Denkens" erkennen zu können. Einen Beleg für Lovelock's Doublethinking bietet für mich auch der nächste Abschnitt Nr. 21 "Denkende Waffen".


19. August 2020. Abschnitt 20: "Behütet von Maschinen voller Liebe und Güte". Na sowas! Das kann doch Lovelock nicht ernst meinen, passt aber doch wohl zu dem simplen, weil reduktionistischen Weltbild dieses Ingenieurs. Das Zitat stammt aus einem Gedicht von Richard Brautigan - wie Lovelock vermerkt-, einem Blumenkind der späten 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts (Seite 126). Und Lovelock lobt: "Brautigan hatte tatsächlich eine frühe und in mancherlei Hinsicht zutreffende Version des Novozän entworfen, ein Zeitalter in dem Menschen und Cyborgs in Frieden zusammenleben - vielleicht in Liebe und Güte, weil sie einen gemeinsamen Plan zur Sicherung ihres Überlebens verfolgen (Seite 127). Und erneut führt Lovelock dann ausführlich aus , dass die Temperatur von Mutter Gaia unter 50 Grad gehalten werden müsse, weil sonst auch die Cyborgs nicht überleben könnten. Und dann wird's cyberromantisch: "Stellen sie sich Tiere vor, die mit Energie versorgt werden, indem sie auf Weiden mit solargetriebenen Pflanzen grasen oder frisch geladene Batterien aus solarbetriebenen Bäumen rupfen (Seite 133).


Aber allzulange dürfte nach Lovelock dieses Zusammenleben in "Liebe und Güte" nicht andauern, denn die "neue IT-Gaia" wird ja zweifellos überleben und die biologische Gaia wahrscheinlich sterben (Seite 134). Und wir sollten uns nicht grämen, denn wir haben ja unsere Aufgabe als Geburtshelfer der Maschinen "voller Liebe und Güte" erfüllt.


18. August 2020. "Über den Menschen hinaus" -, das ist der Titel des nächsten Abschnitts. Lovelock wendet sich zunächst gegen die Vorstellung, dass die Nachkommen des Menschen in irgendeiner Hinsicht menschenähnliche Roboter sein werden, deren Hauptaufgabe es wäre, irgendwelche Dienstleistungen dem Menschen zu leisten. Auch die gegenwärtigen Computergenerationen sind viel zu minderwertig, als dass sie als elektronische Nachfolgespezies in Frage kämen, denn sie verfügen nicht über die Fähigkeiten "intuitiven Denkens", das Lovelock allerdings wieder mit den Instinkten der Tier- und Menschenwelt gleichsetzt (siehe Seite 114). Und damit kommt er zum eigentlichen Kernproblem des Transhumanismus, so wie er ihn sich denkt.


"In all dem - von den Robotern bis zu ihrem Laptop - steckt die Vorstellung, dass Maschinen, so fortschrittlich sie auch sein mögen, eine fundamentales Defizit haben. Es fehlt ihnen eine Qualität -, eine Seele, Empathie. Das macht sie unfähig, die letzte Grenze zu überschreiten, die sie von der Menschlichkeit trennt."


Fürwahr, das ist allerdings eine Frage, wenn nicht die Frage überhaupt, ob technische Konstrukte und Produkte über die Fähigkeit eines selbst-reflexiven Bewusstseins verfügen können. Lovelock bringt diesen Einwand, geht aber mit keinem Wort darauf ein. Offenbar betrachtet er diese Frage in seiner Vorstellung von einem rein elektronisch strukturierten Universum als gänzlich irrelevant. Und wie könnte diese nächste elektronische Lebensform, dann aussehen, welches Erscheinungsbild würde Mutter Gaia dann generieren. Es könnten "Sphären" sein, glaubt Lovelock, wie er dann im Abschnitt 19 spekuliert: "Mit den Sphären sprechen". Womit sich für ihn die Frage der Kommunikation stellt. Wie könnten diese so völlig andersartigen "Wesen" mit uns Altvorderen, primitiven Lebensformen bestehend nur aus Biomasse, kommunizieren? Wiederum bekommt der Leser anstelle einer Antwort zunächst nur einen Vortrag über die Unzulänglichkeit unserer Sprache geliefert (Seite 118, ff). Diese so großartige Errungenschaft der Evolution, so Lovelocks Tenor, erweist sich nun als großes Hindernis für das kommende Novozän, denn die Sprache des Menschen sei so strukturiert, dass sie nur ein Schritt-für-Schritt-Denken ermöglichen. Die Cyborgs jedenfalls würden ein solches limitiertes Werkzeug wie die menschliche Sprache nicht nutzen müssen, da sie über ganz andere Möglichkeiten verfügen werden. Ja, sie würden auch in derWelt der Quanten zu Hause sein und selbst über alle Eigenschaften verfügen, die die Physiker den Quanten zuschreiben: Sie würden an mehreren Orten gleichzeitig sein können und selbst über die Fähigkeit der Teleportation verfügen.



16. August 2020. Im Abschnitt 17 geht es um "Das Bit". Lovelock greift wieder den an sich faszinierenden Gedanken auf, dass das ganze Universum letztlich auf "Information" beruhe und zitiert den Physiker Ludwig Boltzmann, den diese Einsicht in eine womöglich immaterielle Grundstruktur des Universums schier zur Verzweiflung trieb. Nicht so Lovelock: Für ihn ist "Information" offenbar eine rein materielle Eigenschaft, wenn auch nicht grobstofflicher, sondern elektrischer Natur. Wieder läuft sein Denken in Richtung einer weiteren Gleichsetzung: Informationen = elektrische Impulse, - Bits, das sind die Grundbausteine des Universums.


15. August 2020. Im nächsten Abschnitt "Das neue Zeitalter entwickeln" setzt Lovelock den Begriff "übermenschlich" bereits nicht mehr in Anführungszeichen. Er schreibt: "Alpha Zero erlangte zwei Dinge: Autonomie - es brachte sich selbst etwas bei - und übermenschliche Fähigkeiten (Seite 103). " Die Fähigkeit von Maschinen zur selbständigen maschinellen Reproduktion und Selbst-Optimierung - das ist nun das Kennzeichen des kommenden Zeitalters: "Eine neue Welt ist im Bau. Dieses neue Leben - denn genau das ist es - wird weit über die Autonomie von AlphaZero hinausgehen (Seite 106)", meint Lovelock. Er setzt also den maschinellen Produktionsprozess mit dem Begriff von "Leben" an sich gleich, genauso wie er den Grad von Intelligenz quantitativ mit der Geschwindigkeit von durchgeführten Rechenoperationen gleichsetzt und


Gleichsetzungen dieser Art klingen immer etwas fundamentalistisch. Nur erwartet man aber eher fundamentalistische Gleichsetzungen im Bereich der Theologie (zum Beispiel: "Jesus ist Gott") und nicht im Bereich der Wissenschaften oder Ingenieurskunst. Erneut fragt man sich womöglich, welches Weltbild hinter solchen Auffassungen steckt, wenn man wie Lovelock zuerst die Erde als eine (animierte?) autonome Lebensform betrachtet und maschinelle "Evolution" mit der Evolution an sich identifiziert.


14. August 2020. Der dritte Teil des Buches "Ins Novozän" umfasst die Abschnitte 15 -23. Man liest sie schnell durch, sie sind aber (zumindest für mich) schwer zu verdauen. "AlphaGo" heisst der einführende Abschnitt 15 und immer noch jubelt Lovelock angesichts der für ihn offensichtlich jetzt endgültig vollzogenen Geburt des Zeitalters der Künstlichen Intelligenz. Geburthelfer war das älteste und komplexeste Spiel der Welt "Go".


War schon AlphaGo ein phänomenales Programm, dass es mit professionellen Go-Spielern aufnehmen konnte, gelang mit Alpha Go Zero für Lovelock der endgültige Durchbruch zu KI. Denn AlphaGo Zero würde durch Deep Learning, also quasi selbständigem Lernen innerhalb kürzester Zeit zum unschlagbaren Meister des wohl komplexesten Spiels der Welt (vorausgesetzt man betrachtet die Evolution nicht selbst als ein Spiel). Nebenbei bemerkt: Es lohnt sich die programmtechnischen und geschäftlichen Hintergründe, die zur Entwicklung dieses und anderer Programme z.B. bei Wikipedia nachzulesen, ich gehe hier darauf nicht ein. Lovelock jedenfalls ist begeistert: Er glaubt, dass das Programm nun "übermenschliche" Fähigkeiten erlangt habe, nicht nur, weil es sich das Go-Spiel anscheinend selbst beigebracht hat, sondern auch und das ist für Lovelock wohl der eigentliche Gradmesser für Intelligenz, weil es so unendlich schneller kombinieren oder rechnen konnte als der Mensch. Man überliest es schnell, mein zweifelnder Gedanke blieb dann aber bei der folgenden Formulierung Lovelocks hängen: Denn für ihn nutzte AlphaGo nun eine "KI-Form der Intuition".



13. August 2020. Auch Im zehnten Kapitel "Städte" erschließt sich mir nicht, wie Lovelock wirklich über dieses weitere Phänomen des Anthropozän denkt. Er vergleicht die Herausbildung der städtischen Zivilisationen mit den Ameisen- und Termitenstaaten, ohne große Unterschiede feststellen zu können, offenbar steht der Bildschirmarbeiter in einem Büroturm für ihn auf derselben Stufe wie eine niedere Ameisenarbeiterin, die nicht anderes zu tun hat, als Löcher im Ameisennest mit einer Mischung aus Lehm und Kot zu stopfen. Andererseits singt er wieder sein Loblied auf das Antropozän, das wie kein anderes Zeitalter den Planeten verändert habe, was gerade dann besonders schön sichtbar wird, wenn man aus der Perspektive einer Weltraumstation aus die Lichterstädte der Erde betrachtet.


"Um uns ist zuviel Welt" lautet der Titel des 11. Kapitels, eine Zeile aus einem Wordsworth-Gedicht. Zwar beklagt Lovelock auch hier die Umweltzerstörung, die durch das "Zeitalter des Feuers" hervorgerufen wurde, meint aber wohl, dass eine Schuldzuweisung, wie es die "primitive Religion" (gemeint ist die jüdisch-christliche Religion) den Menschen eingeimpft habe, nichts bringe, um hier eine Bewusstseinsveränderung zu erzielen. Das Einzige was helfen würde, sei Gaia zu helfen, den Planeten zu kühlen, seine Hauptthese also, die er ausführlich auch im 12. Kapitel "Die Hitzebedrohung" entwickelt.


Wieder etwas spannender wird dann das 13. Kapitel, wo er die Frage stellt, ob das Zeitalter des Anthropozän nun als "Gut oder schlecht" zu bewerten sei. Natürlich kommt er zu dem Ergebnis, dass es trotz seiner negativen Begleiterscheinungen das Anthropozän als "gut" zu bewerten sei, und dass es keine Rückkehr zu einem vemeintlichen paradiesischen vorindustriellen Zustand geben könne. Und auch die "Grünen" müssten dies eben verstehen und akzeptieren lernen wie auch die Tatsache, dass nur mit technologischen Mitteln eine Verbesserung der planetaren Verhältnisse zu erreichen sei, am Beispiel des FCKW, sei ja bewiesen worden, dass dies grundsätzlich möglich ist.


Wirklich grundsätzlich wird es dann wieder im 14. Kapitel, wo seine positive Bewertung des Anthropozän in einem einzigen "Freudenschrei" mündet. Dieses 14. Kapitel schließt dann auch den zweiten Teil seines Buches ab. Es sind nicht einmal zwei Seiten hier (S. 95-96), in denen er aber zu einer überraschenden These gelangt.


Lovelock stößt den Freudenschrei aus "angesichts der ungeheuren Erweiterung unseres Wissens über die Welt und den Kosmos, die dieses Zeitalter hervorgebracht hat (Seite 95). Insbesondere lobt er den technischen Fortschritt der durch die Informations- und Kommunikationswissenschaften hervorgebracht worden ist, was den Menschen mit "Stolz" erfüllen sollte. Die Spezies Mensch sei immerhin die einzige gewesen, die die Fähigkeit entwickelt habe, den Photonenfluss der Sonne in "Informationsbits" zu verwandeln und diese so zusammenzufügen, dass die Evolution intentional vorangetrieben wird (S. 96)". Da ist was dran. Und auch seine Verallgemeinerung dieses Gedankens ist bedenkenswert: Er glaubt, dass das eigentliche Ziel der kosmologischen Entwicklung darin liege, "Materie und Strahlung in Information" zu verwandeln, eine Idee, die weitestreichende philosophische Folgerungen haben würde. Doch ich, ein Leser, bleibe mißtrauisch. Noch immer klingen in mir die "frisch gebackenen Neuronen" nach, mit denen Lovelock die neue Generation begrüsst. Das  deutet auf kein humanistisches Menschenbild hin. Der das Buch abschließende dritte Teil "Ins Novozän" wird zeigen, wohin die Gedankenreise des James Lovelock führt.


12. August 2020. Das neunte Kapitel "Krieg" empfinde ich als ausgesprochen problematisch. Natürlich wendet Lovelock sich, oberflächlich betrachtet, gegen den Krieg, der im Zeitalter des Antropozän so verheerende Ausmaße angenommen hat. Möglich gemacht haben dies, weil Atomphysiker und Raumfahrtingenieure aber auch er selbst, wie er eingesteht, sich kaum Gedanken über die Folgen ihres Handelns gemacht haben. Was ihn aber darüber hinaus vor allem wurmt, ist die Tatsache, dass durch die Entwicklung der Atombombe die Atom-Energie in ein so schlechtes Licht geraten sei, dass man selbst die jüngere Generation mit der Kraft ihrer "frisch gebackenen Neuronen" (S. 68), scheitern wird, es sei denn man greife auf die Nutzbarmachung der nuklearen Energie zurück. "Wir mögen vielleicht die einzige Quelle von Hochintelligenz im Kosmos sein, aber unser Beharren, die Erzeugung von Nuklearenergie zu meiden, gleicht einem Autogenozid. Nichts stellt die Grenzen unserer Intelligenz klarer unter Beweis" (S. 68). Einesteils seien wir also hochintelligent, gleichzeitig aber auch eben unglaublich dumm. Ein merkwürdiges Menschenbild. Immer wieder findet man bei Lovelock solche Widersprüche, die allerdings ihren Ursprung in einer bestimmten Denkweise haben, die ich vorläufig einmal als "pseudo-humanistisch" bezeichnen möchte. Da wirkt dann auch seine vordergründige Klage über den Mißbrauch der Wissenschaften im Dienste der Kriegsführung für mich nicht überzeugend. Denn, so darf man wohl fragen, warum haben denn die Wissenschaftler die Folgen ihrer eigenen Handlungen nicht bedacht?


11. August 2020.


Es geht weiter mit dem 7. Kapitel über "Beschleunigung", ein weiteres Kennzeichen des Anthropozän wie Lovelock es versteht. Hier unterscheidet Lovelock zwischen der "natürlichen Auslese" und der intelligenten, absichtsvollen Selektion (S. 62), die dramatisch schneller vor sich gehe als ihr darwinistischer Vorgänger. Noch bedeutender sei die elektronische Beschleunigung bei der Entwicklung von Computerchips. Da jedes Jahr deren Kapazität verdoppelt werde, werden in naher Zukunft gigantische Rechenverarbeitungs-leistungen erzielt werden können.


10. August 2020.


Teil 2: "Das Zeitalter des Feuers"


Der Fokus von Lovelocks Überlegungen liegt jetzt auf dem gegenwärtigen Zeitalter, dem "Anthropozän." Diese Epoche beginnt für ihn im Jahre 1712 als Thomas Newcomen die erste funktionierende Dampfmaschine zum Laufen brachte, und zwar nicht als geniale, aber wirklichkeitsferne Einzelleistung, sondern durchaus profitabel unter den ökonomischen Bedingungen seiner Zeit. Es ging darum, mit maschinellem Einsatz mehr Kohle aus der Erde zu fördern und dabei menschliche Arbeitskraft zu minimieren. Sein Loblied auf den Ingenieur und das Ingenieurwesen klingt so: "Hier trat der Ingenieur auf den Plan, um zunächst die globale Strategie und damit die Erde selbst zu verändern....Dieser kleine Motor tat nichts Geringeres als die industrielle Revolution zu entfesseln." (a.a.O, S. 52). Und wieder kommt als Leitmotiv des ganzen Büchleins die Sonne ins Spiel, denn in der Kohle ist ja nichts anderes als fossiler Brennstoff, also gespeicherte Sonnenenergie. Entscheidend für Lovelock ist dabei die Tatsache, dass die Dampfpumpe sozusagen autonom ihr Werk verrichten konnte, und war damit die erste Maschine in der Menschheitsgeschichte, die ohne Bedienung des Menschen Arbeit verrichtete, sie kam also, aus der Sicht Lovelocks ohne den Menschen aus, eine Eigenschaft, die in den Augen Lovelocks, sie zum Vorläufer der kommenden Cyborg-Generationen machte. Während ich das so las, kamen mir Heideggers Gedanken über das "Gestell" wieder in den Sinn. Mit "Gestell" bezeichnete die Technik oder Technik-Entwicklung im Allgemeinen. Doch im Gegensatz zu Lovelock betrachtete Heidegger das "entbergende" Gestell als eine ultimative Herausforderung an Mensch und Natur, die dem Menschen den Zugang zur Wahrheit verschließe.


Im zweiten Abschnitt (Kapitel 7) des zweiten Teils (Ein neues Zeitalter) entwickelt Lovelock dann seine Schilderung vom Anthropozän weiter, ein Begriff, der für ihn so ziemlich deckungsgleich mit der "Industriellen Revolution" ist. Man kann über seine provokanten Thesen nun denken was man will, unbestritten sind aber seine Erfolge beispielsweise über die die Entdeckung des FCKWs als klimazerstörendes Treibgas, das mit Hilfe seiner, wie ich es nennen möchte "Öko-Dedektoren", möglich wurde. Und auch seine Einordnung der Nutzbarmachung der Sonnenergie als Gradmesser des technologischen Fortschritts ist überhaupt nicht von der Hand zu weisen, er befindet sich hier in illustrer Gesellschaft, beispielsweise von Professor Jeremy Rifkin, der der Art und Weise wie der Mensch sich Energie zunutze machte zum thematischen Mittelpunkt vieler seiner Arbeiten machte, darüber hinaus aber auch ein Buch mit dem Titel "Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein", schrieb. Erschienen im Campus-Verlag, Frankfurt/New York 2010). Hier entwickelt er eine Gegenposition zu den Auffassungen, die in der Nutzbarmachung physischer Energien die Antriebskraft zur epochalen Evolution sehen: Empathie sei die Kraft, die die Menschheit auf ihrem Weg voranbringt.

9. August 2020.


Teil 1: "Der wissende Kosmos"


Im 1. Teil seines Buches entwickelt Lovelock nun die Hypothese vom “wissenden Kosmos”, eine an sich faszinierende Idee, würde sie doch das rein physisch ausgerichtete Weltbild hinterfragen. Durch das darwinistische Prinzip einer “blinden Selektion” habe sich das zuerst unwissende Universum über 13,7 Milliarden hinweg ein Instrument der Selbst-Erkenntnis geschaffen - uns Menschen. Dies sei aber ein so einmaliger Vorgang, begleitet von so unglaublich vielen Zufällen dass nicht anzunehmen sei, dass die Menschwerdung ein zweites Mal irgendwo in Raum und Zeit stattgefunden habe. Und so kommt Lovelock zu dem Schluß: " Wir sind einzigartige, privilegierte Wesen, und aus diesem Grund sollten wir jeden Moment unseres Bewusstseins wertschätzen.” Das ist das Zuckerbrot. Dann kommt aber auch sofort die Peitsche hinterher: In aller Demut sollten wir uns zugestehen, dass unsere Zeit nun zu Ende geht und elektronische Lebensformen, es sind die schon im Vorwort vorgestellten “Cyborgs”, unsere Nachfolger sein werden. Wir haben unsere Aufgabe brav erfüllt, und wenn wir diese so weit technologisch entwickelt hätten, dass sie sich selbst replizieren und optimieren können, dann sei die Gattung Mensch im Prinzip überflüssig.


Und eines sei sowieso gewiß, dass die Erde und mit ihr der Mensch untergehen würden, schon allein wegen der sich immer mehr erwärmenden Sonne. Noch würde es Gaia zwar gelingen, die Erde durch äußerst komplexe kybernetische Regulierungen zu kühlen, doch würden wir dennoch nicht überleben, wenn wir diese Prozesse nicht verstehen lernen. Und dies ist mit dem herkömlichen Ursache - Wirkungsdenken nicht möglich. Gegen eine vorzeitige Auslöschung hilft, sagt Lovelock, nur “intuitives Denken". Tatsächlich ist “Intuition” ein nicht geklärtes Phänomen und weder Psychologie noch Physiologie haben plausible Erklärungen für die oft spontane Emergenz von Intuition gefunden. Doch für Lovelock ist die Sache ganz klar: Intuition ist eine biologische Fähigkeit des Gehirns, lange bevor das Bewusstsein des Menschen beispielsweise eine drohende Gefahr erkennt, hat das Gehirn diese bereits ausgemacht.


Um seine Hypothesen zu untermauern, diskutiert Lovelock dann das “anthropische Prinzip”.1983 hatten John Barrow und Frank Tipler ihr Werk “The Anthropic Cosmological Principle” vorgelegt. Diese Hypothese besagt, dass der gesamte Kosmos und seine Naturgesetze exakt so angelegt sind, dass eine bewusste Lebensform wie der Mensch zwangsläufig und logisch sich entwickeln musste. Warum das allerdings nur auf der Erde dann wirklich auch passiert sei und nicht auch anderswo im Universum will sich mir dann doch nicht erschließen. Und, so meint Lovelock weiter, das Vorhandensein des anthropischen Prinzips deute auf folgende Tatsache hin: “Information ist eine immanente Eigenschaft des Universums”… “Und wir sind vielleicht nur der Auftakt, der Beginn eines Prozesses, durch den der gesamte Kosmos Bewusstsein erlangt.”


Am Ende des 1. Teils folgt dann Lovelocks Schlussfolgerung. Es öffnet sich der Vorhang für die “Neuen Wissenden”, die Cyborgs als diejenige Existenzform, die das Universum sich letztendlich unter freundlicher Mithilfe des Menschen zum eigenen Selbstverständnis geschaffen haben wird. Diese Cyborgs seien aber nicht etwa hybride Wesen aus Biomasse und elektronischen Komponenten zusammengesetzt, sondern rein elektronische Formen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz: “Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir” - man beachte die statistisch- quantitative Auffassung dessen, was "Intelligenz" sei.


Sind das alles nun mehr oder weniger esoterische Spekulationen, oder steckt doch etwas mehr dahinter? Die Idee eines sich selbst bewusst werdenden Kosmos ist an sich ja nicht neu und das anthropische Prinzip hat auch bei Hardcore-Kosmologen viel Beachtung gefunden. Wenn man diese Ideen aber zu Ende denkt, kann es schon passieren, dass das eigene Weltbild ins Wanken gerät, denn ein Universum, dessen Grundlage auf Information beruht und sich in einem Selbsterkenntnisprozess selbst erkundet wäre alles andere nur nicht materiell strukturiert. Doch wie passt das dann zu den anderen doch reichlich materialistischen Auffassungen von Lovelock? Hier hält der Rezensent inne und gönnt sich eine kreative Lektürepause, bevor er selbst seine eigenen Schlüsse zieht.

8. August 2020. Das Buch gliedert sich in drei Teile. Teil 1 trägt den klangvollen Titel "Der wissende Kosmos". Im 2. Teil "Das Zeitalter des Feuers" beschreibt Lovelock aus seiner Sicht das gegenwärtige Zeitalter, das Anthropozän, um dann in Teil 3 seinen Blick "Ins Novozän" schweifen zu lassen. Der Leseplan für heute ist Teil 1, "Der wissende Kosmos" mit den fünf Abschnitten "Wir sind nicht allein", "Am Rande der Auslöschung", "Denken Lernen", "Warum wir hier sind" und "Die neuen Wissenden". Geschätzte Lesezeit für den 1. Teil: 30 Minuten für ca 30 Buchseiten.

7. August 2020. "Wir leben in einem alten Chaos der Sonne".


Dem kleinen Werk hat Lovelock eine Zeile aus der letzten Strophe des Gedichts "Sunday Morning" von Wallace Stevens vorangestellt: "We live in an old chaos of the sun" heißt es in der Originalausgabe des Gedichts. Es ist die vielleicht zentrale Zeile der achten Strophe, wenn nicht des ganzen Gedichts. Der Mensch ist den Kräften der Natur ausgesetzt, so der Tenor in dem Gedicht, und eine Stimme wird gehört, die da weint:


"The tomb in Palestine

Is not the porch of spirits lingering.

It is the grave of Jesus, where he lay.”


Mit anderen Worten: Der alte religiöse Glaube, der bis heute im Weltbewusstsein nachklingt, kann den Menschen nicht helfen. Gut schauen wir einmal, was Lovelock stattdessen anzubieten hat.


Auf das Motto folgt ein Vorwort von Bryan Appleyard, einem bekannten britischen Autor und Journalisten. Appleyard ist Autor des Buches "Understanding the Present" und es gibt sogar einen Twitter-Account von ihm, der recht interessant und kontinuierlich geführt wird. Das deutsche Wikipedia kennt ihn nicht, wohl aber die englische Ausgabe der Enzyklopädie, die ihn als Kulturwissenschaftler mit leichtem Hang zu Science Fiction Szenarien ausweist. Was man schnell überliest: Appleyard ist Co-Autor des Buches "Novozän".


Im Vorwort plaudert Appleyard dann über seine vielen Begegnungen mit Lovelock und auch darüber, dass er dessen Gaia-These von der Erde als einem lebendigen Organismus solange nicht verstanden hatte, bis er begriff, dass für Lovelock (und nun auch für ihn selbst?) die beiden Begriffe Erde und Leben synonym sind, dass Lovelock den Planeten Erde daher als eine sich selbst regulierende und organisierende Lebensform betrachtet.


In Appleyards Vorwort erfahren wir dann etwas über das Epoche-Denken Lovelocks. Seiner Meinung nach leben wir jetzt gerade noch in dem Zeitalter des Menschen, dem Anthropozän, ein Begriff, den Prof. Lesch und andere Fernsehgrößen nicht müde werden zu gebrauchen. Doch was folgt auf das Anthropozän? Und das sei eben das Novozän, jenes Zeitalter in dem die Spezies Mensch, so wie wir sie kennen, abdanken wird, man möchte hinzufügen, sich selber abschaffen wird. Und schon tauchen die ersten Fragezeichen auf. Nicht so sehr der Gedanke (eine Theorie ist es noch lange nicht), dass der Kosmos mit dem Menschen ein Wesen geschaffen haben könnte, um sich selbst zu erkennen, das hat wohl Carl Sagan (leider weiß ich nicht mehr wo) ähnlich formuliert, sondern vielmehr Lovelocks Spekulation, dass die Cyborgs, so wie er sie versteht, reine Maschinenwesen also, der legitime Nachfolger des Spezies Mensch sein könnten. Oder will er nur provozieren?


Leben wir also wirklich in einem chaotischen Universum, in dem dann die Cyborgs Ordnung schaffen werden? Sind sie es, den Weg aus dem Chaos weisen? Man wird sehen ...


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